REFUGIO KUNSTWERKSTATT FÜR FLÜCHTLINGSKINDER |
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Zeitschrift Kunst und Therapie, Heft2/2008Das nehmen wir selbst in die Hand!Schritte auf dem Weg zu einer besseren Selbstakzeptanz Beschreibung und Reflexion eines Projekts mit FlüchtlingskindernMaria HellerKonzept der Refugio KunstwerkstattSeit über 15 Jahren gibt es in München in vielen Gemeinschaftsunterkünften von Asylbewerbern einmal wöchentlich eine Kunstwerkstatt für Kinder im Alter von 4 – 15 Jahren. Initiiert wurde das Projekt von Margit Türk im Rahmen von Refugio München, dem Beratungs- und Behandlungszentrum für traumatisierte und gefolterte Flüchtlinge. Margit Papamokos koordiniert und organisiert mit über 20 Mitarbeitern auch weiterhin diese Aktivitäten in den Unterkünften. Im Flyer der Kunstwerkstatt ist zu lesen: „Kinder sind durch Kriege am meisten geschädigt. Sie werden in ihrer Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt. Dennoch sind Flüchtlingskinder nicht nur „Opfer“. Sie sind auch starke, kreative und phantasievolle Persönlichkeiten. Sie können aktiv mit ihrer Lebenssituation umgehen, wenn man sie fördert und sie mit ihren Problemen nicht alleine lässt…“ Ob wir in „unserer“ Unterkunft diesem Anspruch gerecht wurden? Seit 8 Jahren war ich nun jeden Freitag in einer Unterkunft am Stadtrand von München. In den letzten 4 Jahren arbeitete ich mit einem Künstler-Kollegen zusammen. Wir wurden unterstützt von einem Lehrer, der uns als ehrenamtlicher Mitarbeiter zur Seite stand, und meist hatten wir noch eine Praktikantin.Unsere ZielsetzungUnsere Kunstwerkstatt war als offenes Angebot gedacht, das möglichst niederschwellig jedem Kind in der Unterkunft die Möglichkeit gab, einmal in der Woche gestalterisch zu arbeiten. Papier und Farben standen den Kindern immer zur Verfügung. Neben verschiedensten Malformen und Themen boten wir auch häufig dreidimensionales Gestalten an. Gelegentlich versuchten wir kleine Theaterstücke zu inszenieren, meist zum Jahresende hin. Wir hatten einen festen „Kundenstamm“ von ca. 20 Kindern, aber auch Gelegenheitsbesucher. Das Angebot direkt in der Unterkunft erleichterte den Kindern den Zugang. Sie waren nicht darauf angewiesen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die große Stadt zu fahren und/oder von den Eltern gebracht zu werden. Dies wäre für viele Familien bereits eine Überforderung gewesen. Sie konnten auch selbst entscheiden, ob sie das Angebot wahrnehmen wollten. Wir hatten die Möglichkeit, mit den Eltern in Kontakt zu kommen und die Lebensumstände der Kinder einschätzen können. Manche Kinder mussten nachmittags auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen oder im Haushalt mithelfen. Das konnten wir dann berücksichtigen. Unser Angebot war für die Eltern transparent und konnte ihr Vertrauen zu uns fördern. Neu ankommende Kinder konnten wir einladen und ihnen somit die Integration innerhalb der Unterkunft erleichtern. Auch die Stimmung in der Unterkunft, die ethnischen Konflikte, die Frontenbildung, die unterschiedlichen Gruppenbildungen unter den Kindern blieben uns nicht verborgen. Unser konstantes Beziehungsangebot war ein wichtiger stabilisierender Faktor in dem von Abbrüchen und Unsicherheiten geprägten Leben der Kinder. Die meisten Kinder sind durch Krieg, Zerstörung oder Bedrohung im Heimatland, abenteuerliche Flucht, schwierige Lebensbedingungen in der Unterkunft, unsicheren Aufenthaltsstatus und extreme Kulturdiskrepanzen schwer traumatisiert. Mangelnde Sprachkenntnisse, Überforderung in der Schule, radikaler Rollenwechsel innerhalb der Familie - sie erleben ihre Eltern als schwach und unfähig, für Schutz und Sicherheit zu sorgen - belasten die Kinder. Selbst Kinder, die in der Unterkunft geboren wurden, sind durch ihre Eltern sekundär traumatisiert. Die Kinder erzählten selten von Alpträumen, Flashbacks, Ängsten und Schlafstörungen, viele zeigten aber Symptome wie sehr geringe Aufmerksamkeitsspannen und Konzentrationsschwächen, waren misstrauisch, hatten geringe Frustrationstoleranz und erhebliche Probleme, ihre Affekte zu steuern. Übererregung, Wutausbrüche, vorschnelle Gewaltbereitschaft und leichte Reizbarkeit belasteten die Kontakte innerhalb der Gruppe. Die Kunstwerkstatt als gewaltfreie Zone war eine große Herausforderung für unsere Besucher. Wir wollten dem Grauen aus der Vergangenheit und den vielen Unsicherheiten möglichst viele gute Erfahrungen entgegensetzen und so eine Stabilisierung fördern.Wie gingen die Kinder mit ihren Produkten um?Besonders deutlich zeigten sich die inneren Konflikte der Kinder beim Umgang mit ihren Werken aus der Kunstwerkstatt. Es gab Kinder, die mehrmals neu begannen und nach ein paar Strichen alles verwarfen oder solche, die ihre Werke sofort nach der Entstehung wieder zerstörten. Sie konnten es gar nicht zulassen, dass ihre Produkte gesehen, gewürdigt oder gezeigt wurden. Rettungsaktionen unsererseits führten zu herben Auseinandersetzungen. Dieses Verhalten änderte sich meist nach einigen Monaten beharrlicher Anerkennung durch uns. Aber auch eine gezeichnete Bildgeschichte, ein gemaltes Bild oder das selbstgebaute Puppenhaus im Schuhkarton – die meisten fertigen Werke verblieben in der Kunstwerkstatt. Dafür gab es zum einen die praktische Erklärung, nämlich die beengten Wohnverhältnisse in der Unterkunft. Mehrere Familienmitglieder teilten sich in der Regel einen etwa 20 qm großen Raum. Neben gemeinschaftlichen Hygieneräumen und Gemeinschaftsküchen fand das gesamte Leben in diesem einen Raum statt: Essen, Schlafen, Fernsehen, Hausaufgabe machen etc. Kunstwerke der Kinder fanden da kaum Platz. Zum anderen waren die Eltern so beschäftigt, das tägliche Leben zu organisieren oder sie konnten auf ihrem kulturellen Hintergrund die kleinen Kunstwerke ihrer Kinder nicht genügend wertschätzen. In der Werkstatt wurden die Bilder an der Pinnwand aufgehängt und von uns Betreuern gewürdigt. Als Zeichen der Zuneigung wurden wir häufig mit Zeichnungen oder Malereien beschenkt, verziert mit Herzen und persönlichen Widmungen.Erste Schritte nach außenWir haben schrittweise damit begonnen, das künstlerische Schaffen der Kinder nach außen zu tragen. Unsere erste Aktion war, große Container auf dem Gelände der Unterkunft bunt zu bemalen. Dieses Gemeinschafts-Projekt beschäftigte uns fast einen Sommer lang. Wir begannen mit verschiedenen Entwürfen, dann die Einigung auf ein Thema, dann die schrittweise Umsetzung mit viel Koordination – Abschleifen, Grundieren, Hintergrund, Umrisse, Personen, Umgebung. (Abb.1, Abb.2) Das Ergebnis waren leuchtend blaue Container, bemalt mit lebensgroßen Kindergestalten und viel Drumrum. Die Figuren entstanden durch Schattenrisse der Kinder. Jedes Kind malte seine eigene Figur mit viel Sorgfalt und Mühe aus und gab ihr ein ganz persönliches Aussehen. (Abb.3) Einige Mädchen stellten sich auf der Hauptansichtsseite zunächst so dar, wie sie hier zur Schule gehen und wie wir sie kennen, lässig in Pullover und Hose. In der darauffolgenden Woche wandelte sich die Kleidung. Es wurden lange dunkle Röcke aus den schmalen Hosen und auf der geschützten Rückseite der Container entstanden weitere Figuren mit traditionellem Outfit aus dem Heimatland. (Abb.4) Damit brachten einige Mädchen zum Ausdruck, in welchen Ambivalenzen zwischen den Kulturen sie ständig leben. Die Kinder bekamen viele positive Rückmeldungen und waren ziemlich stolz auf ihr gemeinsames Werk. Inzwischen sind die Container zum Wahrzeichen und zur Orientierungshilfe in der Unterkunft geworden. (Abb.5) Als nächstes bemalten wir gemeinsam den Eingangsbereich zu den Zimmern. Auch dazu waren wieder ein Konzept, Vorarbeiten und sorgfältige Durchführung nötig. (Abb.6) Viele eifrige Hände bereiteten mit Schwammtechnik den Hintergrund vor und plazierten kleine und große Fische an den Wänden (Abb.7) und verzierten alles mit Wasserpflanzen. Diese Aktion war weniger spektakulär, trug aber zur Aufmunterung in der sonst sehr tristen und abgewohnten Unterkunft bei. (Abb.8) Erstaunlicherweise ist auch diese Malerei noch gut erhalten und bisher kaum Vandalismus ausgesetzt gewesen. Im Frühjahr 2007 wurden wir dann zu einer Kinderkunstausstellung ins nahegelegene Jugendzentrum eingeladen. 50 kleine Leinwände entstanden zum Thema Identität speziell für diese Ausstellung. Nach Skizzen vor dem Spiegel malten einige Kinder ein Selbstportrait (Abb.9), andere verfremdeten das eigene Erscheinungsbild zur bedrohlichen Gestalten oder stilisierten ihre Gesichter. (Abb.10) Anderen war die Fahne des Heimatlandes wichtiger oder etwas, an dem sie sich erfreuen konnten. Leinwände wurden angefangen, verworfen, übermalt. (Abb.11) Streit um die besten Ideen und deren Nachahmung brach aus. Während des Entstehungsprozesses schwankten etliche zwischen Scham und dem Wunsch, gesehen zu werden. Zur feierlichen Vernissage trank alle einträchtig Apfelsaft in Sektgläsern und bekamen als Auszeichnung vergoldete Pinsel überreicht. (Abb.12) In der Folgezeit fragten uns viele, wann wir wieder eine Ausstellung machen würden. Die öffentliche Darstellung ihrer Arbeiten, die Wertschätzung und Anerkennung von außen hatte sie offensichtlich stolz gemacht und ihr Selbstbewusstsein gestärkt.Projekt zur Förderung der SelbstwirksamkeitZeitgleich trugen die Kinder immer wieder den Wunsch an uns heran, ob wir in den Ferien nicht einmal einen Ausflug mit Übernachten machen könnten. Auch die Mädchen wollten gerne eine mehrtägige Fahrt machen. Die Idee reizte auch uns. Wir wussten aber, dass dieses Vorhaben unseren Auftrag und den vorgesehenen finanziellen Rahmen sprengen würde. So griffen wir 2007 und 2008 zur Eigeninitiative und erarbeiteten zusammen mit den Kindern ein kleines Budget, das die Umsetzung dieses Wunsches möglich machte. In Anlehnung an die „Empty-Bowls-Aktionen“, die Paulus Berensohn ins Leben gerufen hat, bemalten wir gemeinsam mit den Kindern geschrühte Tonschalen, die von mir und von anderen Keramikern gedreht worden waren. Durch die spontane und unkonventionelle Arbeitsweise der Kids entstanden sehr individuelle und völlig unterschiedliche Schalen, die nach dem Glasurbrand in leuchtenden Farben und expressiven Gestaltungen erstrahlten. (Abb.13, Abb.14) Blumenmotive, Strukturen, Gesichter, kleine Bildgeschichten und der eigene Name schmückten die Tongefäße. (Abb.15) Auf einem kleinen, aber feinen Kunsthandwerker-Markt im Obstgarten eines idyllisch gelegenen Bauernhofes boten wir unsere Schalen mit selbstgemachter Suppe an. (Abb.16) Gemeinsam mit den Kindern kochten wir einen großen Topf Gemüsesuppe. Weitere Suppen bereicherten unser Angebot. Die Besucher durften sich eine Schale aussuchen, aßen daraus eine Suppe ihrer Wahl und durften die Schale anschließend für einen Obolus von € 10,00 mitnehmen. Diese Aktion war für alle interessant und aufregend gleichzeitig. Viele Fragen im Vorfeld: Ob überhaupt jemand unsere Schalen kaufen würde, wie es für die Kinder wäre, wenn ihre Schale verkauft würde, wie die Besucher auf unser Reise-Vorhaben reagieren würden, ob wir mit der Aktion die Stigmatisierung der Kinder womöglich vergrößern würden….? Einige Kinder halfen am Morgen, die Schale am Verkaufsstand zu dekorieren und warteten gespannt auf Käufer. Sobald sich jemand nähert, wurde er mit glänzenden Augen beobachtet. (Abb.17, Abb.18) Wenn er eine Schale in die Hand nahm, stieg die Spannung weiter und beim Kauf dann die große Freude. Neben der Betreuung unseres Verkaufsstandes gab es viele interessante Dinge auf diesem Bauernhof: die Katzen und Hunde und vor allem die Kühe und Kälber. Eine große Mutprobe war es, im Stall an den Kühen vorbeizugehen und sie auch noch zu füttern. So wurde aus den zwei Tagen Markt ein freudiges Erlebnis, bei dem ganz nebenbei auch noch für unsere Ferienfahrten die finanzielle Grundlage geschaffen wurde. Wir verkauften fast 100 Schalen und die Suppe ging schon am Nachmittag des zweiten Tages zur Neige. Die Marktbesucher reagierten sehr positiv auf unser Angebot. Sie schätzten die konkrete und authentische Darstellung des Verwendungszweckes ihres Geldes und waren von der Eigeninitiative der Kinder beeindruckt. Die anderen Marktteilnehmer reagierten auch sehr zugewandt auf unsere Kinder. Es gab kleine Geschenke und eine Schmuck-Künstlerin bot sogar an, in der Unterkunft mal mit den Kindern kleine Schmuckstücke zu fertigen. Mit frischer Milch vom Bauern im Gepäck fuhren die Kindern am Sonntag abend zurück in die Unterkunft, erschöpft aber stolz und zufrieden. Es war wirklich gelungen, durch unsere gemeinsame Anstrengung die Basis für unsere Vorhaben zu schaffen. Und! … Wir hatten keine Almosen erbettelt, sondern einen reellen Gegenwert für den Preis erbracht. Wir waren nicht Bittsteller sondern „Geschäftspartner“ und konnten so die Würde der Kinder bewahren. Mit Unterstützung des Caritas-Sozialdienstes und durch einige großzügige Spenden konnten wir in zwei aufeinanderfolgenden Jahren sowohl mit den Mädchen als auch mit den Buben jeweils 3 Tage eine kleine Reise machen. Die Mädchen fuhren in ein kleines Bauernhaus in der Nähe des Ammersees, gingen erstmals in einem richtigen See zum Baden, durften Lagerfeuer machen und wurden mit der Pferdekutsche zu einer kleine Rundfahrt abgeholt. Geschmückt mit lauter goldenen Kronen spielen sie in dieser Zeit Prinzessinnen und wurden von uns Betreuern auch entsprechend behandelt. (Abb.19, Abb.20) Eine Dampferfahrt auf dem Ammersee rundete das Ferienvergnügen ab. Die Jungs fuhren ins Zeltlager an den Chiemsee und konnten erster Erfahrungen mit dem Kajak-Fahren machen. (Abb.21, Abb.22) Übernachten im Zelt, Lagerfeuer und Nachtwanderung, Schiffsfahrten auf die Inseln und Naturerkundungen füllten die Tage. Die beiden Ereignisse stellten die Höhepunkte unserer gemeinsamen Zeit dar. Schon ab Winter des zweiten Jahres wurden wir fast bei jedem Treffen gefragt, wie lange es noch dauert, bis wir wieder fahren. Schon im Frühjahr wurde diskutiert, wer bei wem im Zelt schläft. Die Kinder, die schon dabei waren, erzählten den neuen Kindern große Abenteuergeschichten von unseren Ferienfahrten. So konnten die Kinder die Früchte ihrer eigenen Bemühungen und Anstrengungen genießen und die Erfahrung machen, selbst etwas bewirken zu können.ReflexionKinder, die mit ihren Familien in den Gemeinschaftsunterkünften für Asylbewerber leben, waren und sind vielfachen Traumatisierungen ausgesetzt. Der Aufenthaltsstatus als Asylbewerber stellte einen großen Unsicherheitsfaktor dar, er nährt Ängste und beeinträchtigt die Entwicklung einer eigenen Identität. Es besteht ja weiterhin die Gefahr, wieder ins Herkunftsland abgeschoben zu werden. Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit stehen der Bildung eines positiven Selbstbildes entgegen. Ein sinnvoll stabilisierendes Angebot in dieser Situation hat diese Faktoren zu berücksichtigen:
AusblickDie Unterkunft wurde im Herbst 2008 geschlossen; alle Bewohner sind auf andere Unterkünfte im Raum München verteilt worden. Das bedeutet für die Kinder wieder ein Umzug, neue Umgebung, Schulwechsel und Änderung des sozialen Umfeldes. Der Abschied von „unseren“ Kindern war schwer. In der Hoffnung, dass sie nun von unserer gemeinsamen Arbeit profitieren und die neuen Herausforderungen besser bewältigen können, fangen wir an einer anderen Unterkunft von vorne an. Die von vielen Menschen erworbenen Suppenschalen werden beim Gebrauch eine eindrückliche Erinnerung an diese Flüchtlingskinder und ihre mutige Aktion wach halten. |
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