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Märchen vom verlorenen Schatz

Das Märchen vom verlorenen Schatz

von Dr. Anna-Jutta Pietsch, Kunsttherapeutin

Seit einem halben Jahr arbeite ich als Kunsttherapeutin mit 2 Mädchen aus Afghanistan, die vor drei Jahren ihre Eltern verloren haben. Die jetzt 9 und 10 Jahre alten Mädchen haben den Tod der Eltern durch einen Raketeneinschlag in ihrer Wohnung miterlebt. Sie waren auch selbst verletzt. Sie leben hier mit den Großeltern, zwei unverheirateten Tanten, die sie sehr liebevoll betreuen, und einem Onkel in einer Asylbewerberunterkunft. Sie haben teilweise Lernblockaden und Prüfungsangst. Dabei sind sie motiviert und möchten gerne gut sein.
Das Märchen entwickelte sich absichtslos. Eines Tages lagen auf dem Tisch eine Reihe von Bildern und Textilcollagen, die die Kinder in verschiedenen Stunden gestaltet hatten.
Die Prinzessinnen waren sozusagen Selbstportraits der Mädchen beim Tanzwettbewerb, den sie gerade gewonnen hatten. Das Bild mit der Insel und dem Delfin war ein freies Bild des jüngeren Mädchen, zu dem die Ältere, den Schatz auf der Insel hinzugefügt hatte. Daraus hatte sich ein Ratespiel entwickelt. Welche Gegenstände sind in dem Schatz? Wie die Bilder so da lagen, entstand die Idee sie in einer Geschichte zu verbinden. Wir fingen alle drei an, sie auszuspinnen. Prinzessinnen brauchen natürlich Prinzen und die Prinzen müssen Abenteuer bestehen oder sie sind verwandelt und müssen erlöst werden.

Mein Beitrag war die Idee, das Bild der verstorbenen Königin in die Geschichte einzubringen.
Die Kinder sprechen nicht über ihre verstorbenen Eltern und wollen auch ihre Fotos nicht sehen. In einem Bild, in dem sie ihr Wunschhaus gemalt hatten, war aber bei dem jüngeren Mädchen auch die Mutter da und an der Wand hing ihr Bild. Im Märchen hat das Bild der verstorbenen Königin eine Bedeutung. Dem König ist es sehr wertvoll und er möchte es wiederhaben. Wir sprachen in dieser verschlüsselten Form darüber, dass die Verstorbenen gute Gedanken zu den Lebenden schicken und dass die Bilder dabei helfen können. Es war aber spürbar ein heikles Thema. Ich ließ es so stehen.

Einige Zeit später fuhr das jüngere Mädchen mit der Schulklasse ins Schullandheim. Sie hatte noch nie ohne ihre Familie übernachtet, blieb auch im Unterschied zu ihrer Schwester nicht ohne ihre Tante bei Verwandten über Nacht. Sie hätte natürlich zu Hause bleiben können, aber sie wollte auch mitfahren. Die Tante erzählte mir, dass sie das Foto von ihr und von der Großmutter mitnehmen wollte, damit sie nachts neben ihr im Bett liegen würden. Diese Idee war bislang nie aufgetaucht. Der Schullandaufenthalt war ein großer Erfolg. Sie habe keine Angst gehabt, weil Bilder helfen können.

Das größere Mädchen hatte die Idee, dass der verzauberte Delfin durch die Berührung mit dem Ring der verstorbenen Königin erlöst werden sollte.

Ganz wichtig war ihnen der letzte Satz den Märchens:

"Und alle waren glücklich."

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