REFUGIO KUNSTWERKSTATT FÜR FLÜCHTLINGSKINDER |
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Mach mit! Ist ein dreijähriges Projekt der REFUGIO Kunstwerkstatt, das im April 2006 gestartet ist und maßgeblich von Aktion Mensch finanziert wird. Mach mit! ist ein ausserschulisches Förder- und Lernprojekt für Flüchtlingskinder im Alter von 7 - 15 Jahren. Zur Zeit werden in diesem Projekt 160 Kinder an 30 Münchener Schulen gefördert.
Interview
von Kerstin Hemme mit Gerlinde Maier, 22 Jahre, Studentin des Lehramtes für Sonderpädagogik im 3. Semester und ehrenamtliche Mitarbeiterin bei "Mach mit!" am 15.02.2007
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Kerstin Hemme:
Gerlinde, Du engagierst Dich seit Beginn der ersten Projektphase ehrenamtlich bei Mach mit! Wie sieht deine Arbeit genau aus?
Gerlinde Maier:
Die Leitungen der Kunstwerkstatt-Gruppen stellten zunächst fest, an welche Schulen die Kinder gehen. Dann wurde den betreffenden Lehrern, entweder in Lehrerkonferenzen oder direkt in einem persönlichen Gespräch das Projekt vorgestellt. Dabei wurde ihnen einen Einblick in die Wohn- und Lebenssituation der Kinder vermittelt. Manchen Lehrern war nicht bewusst, dass diese Kinder in Unterkünften für Asylbewerber wohnen. Die Lehrer hatten mit vielen dieser Kinder Schwierigkeiten wie mangelnde Deutschkenntnisse, fehlende Hausaufgaben oder Unterrichtsmaterialien und Kontaktprobleme mit den Eltern. Da war dieser Informationsaustausch der erste Schritt. Dabei werden ehrenamtliche Mitarbeiter und Praktikanten zur Unterstützung eingesetzt.
Der nächste Schritt war, ihnen die Lehrerfragebögen zu erläutern. Durch sie kann der Entwicklungsstand des Kindes zunächst festgestellt, und die Entwicklung dann bei späteren Befragungen verfolgt werden. So kann auch bei Bedarf konkret interveniert werden, beispielsweise durch die Vermittlung einer ehrenamtlichen, individuellen Nachhilfe oder dem Hinweis auf einen bestimmten schulischen Problembereich an die Hausaufgabenbetreuung. Auch bei Problemen im Kontakt mit den Eltern können Dolmetscher über REFUGIO organisiert werden.
Kerstin Hemme:
Hast du eine Erklärung dafür, warum viele Lehrer nicht genau wissen, in welchen Verhältnissen die Kinder leben, wo sie wohnen und wie die Situation in der Familie ist? Oder vertuschen die Kinder auch selber ihren Hintergrund?
Gerlinde Maier:
Das liegt natürlich auch am Bestreben der Kinder, ganz „normal“ zu sein, sich nicht von anderen Kindern zu unterscheiden. Dieses Anderssein, einen anderen Hintergrund und andere Wohnverhältnisse zu haben, ist ihnen immer unangenehm. Man sieht ganz selten Klassenkameraden, die sie besuchen. Es wirkt wie eine kleine Welt in der Welt. Für die Lehrer ist es oft der einzige Anhaltspunkt, dass es sich um eine Unterkunft handelt, dass die Kinder die gleiche Adresse haben. Und einen anderen Anhaltspunkt haben sie nicht, weil es nicht thematisiert wird.
Kerstin Hemme:
Wie viele Stunden investierst du ehrenamtlich jede Woche in das Projekt?
Gerlinde Maier:
Zu den Zeiten, wenn die Lehrerfragebögen ausgefüllt werden, sind viele Telefonate, Anfahrtswege und Gespräche notwendig. Dazu kommen die Zeiten in der Hausaufgabenbetreuung und in den Kunstwerkstatt-Gruppen. Da kann es schon mal zu 7 bis 9 Stunden wöchentlich kommen. Aber es gibt auch ruhigere Wochen.
Wenn keine außergewöhnlichen Aktivitäten anstehen, sind es 5-6 Stunden.
Kerstin Hemme:
Und wie viele Kinder betreust du?
Gerlinde Maier:
Momentan ca. 20 Kinder.
Kerstin Hemme:
Wie hast du die Zusammenarbeit mit den Schulen erlebt?
Gerlinde Maier:
Zum großen Teil sehr positiv.
Kerstin Hemme:
... zum Beispiel.
Gerlinde Maier:
Die Simmern-Schule, in die relativ viele von unseren Kindern gehen, zeigte ein sehr großes Interesse. Sie waren sehr froh, endlich einen Ansprechpartner zu haben, denn ihnen ist es sehr wichtig, wirklich auf die Kinder einzugehen. Sie sind auch sofort mit ganz konkreten Anliegen an mich herangetreten - z.B. ein Mädchen brauchte konkrete "Quali - Vorbereitung" (für den qualifizierten Haupschulabschluss, Anmerk. K.H.) . Sie ist seit 1 ½ Jahren in Deutschland und ist auch fest im Kunstwerkstattprogramm mit dabei. Ich habe das sehr positiv empfunden, dass die Lehrerin sich gleich erkundigt hat, welche Möglichkeiten es da gibt.
Oder ein erst vor kurzem nach Deutschland gekommenes Kind versteht die Sprache noch gar nicht, und man merkt, dass von zu Hause keine Unterstützung kommt, und ob es Möglichkeiten gäbe, diesen Schüler außerschulisch auch noch zu fördern.
Kerstin Hemme:
Hast du auch negative Erlebnisse mit Schulen gehabt?
Gerlinde Maier:
Ja, aber sehr wenige. In einem Fall bin ich nach vielen telefonischen Bemühungen selbst zu der Schule gefahren, wurde aber gleich wieder nach Hause geschickt. Seit 4 Monaten warte ich auf einen versprochenen Rückruf, und ein Termin wurde mir auch schon mehrfach versprochen.
Kerstin Hemme:
Was gefällt dir besonders gut an der Kunstwerkstatt und an dem Projekt Mach mit!?
Gerlinde Maier:
Mir macht es sehr viel Spaß, in der Kunstwerkstatt mit den Kindern zu werken und zu sehen, dass ihnen dort ein Raum für Eigeninitiative und Kreativität geboten wird. Besonders bei Mach mit! habe ich das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können. Sei es, indem ich ein Kind einzeln betreue oder das Netzwerk erweitere. Es ist das Gefühl, nachhaltig Weichen zu stellen und die Situation der Kinder verbessern zu können.
Kerstin Hemme:
Konntest du einen Nutzen aus der Arbeit bei Mach mit! für dein Studium ziehen? Haben sich deine Gedanken oder fachliche Meinungen geändert?
Gerlinde Maier:
In jedem Fall wird der theoretische Hintergrund belebt. Im Umgang mit den Kindern erkennt man oftmals mehr Möglichkeiten, als man sie theoretisch vermuten würde. Man gewinnt auf jeden Fall ganz viel an Flexibilität und Spontaneität dazu, denn die Kinder lassen sich nicht einfach in ein Konzept hineindrücken. Insgesamt fühle ich mich in beruflicher Hinsicht bestärkt und bereichert. In der Praxis spüre ich, dass mein Dasein und mein Interesse für sie etwas bei den Kindern verändern kann. Man kann viel mehr Möglichkeiten auf der kreativen Ebene oder einfach im sozialen Miteinander entdecken.
Kerstin Hemme:
Das freut uns sehr. Zusammenfassend kann man also sagen, dass deine Praxiserfahrungen im Mach mit!-Projekt dein Studium lebendiger machen.
Gerlinde Maier:
Ja. Ich überlege sogar, ob ich Deutsch als Zweitsprache (Fremdsprache) als Erweiterungsfach studiere.
Kerstin Hemme:
Fühlst du dich von REFUGIO als ehrenamtliche Mitarbeiterin im Projekt gut genug unterstützt?
Gerlinde Maier:
Ich habe immer das Gefühl gehabt, eine Ansprechpartnerin zu haben und mich mit allem an die Kunstwerkstatt wenden zu können. Zukünftig werde ich auch an der Supervision teilnehmen. Diese halte ich für sehr sinnvoll und begegne ihr mit großem Interesse.
Kerstin Hemme:
Du bist vom Beginn an im Projekt dabei. Gibt es irgendwelche Verbesserungsvorschläge? Oder wenn man das Projekt noch mal machen würde, was sollte anders gemacht werden?
Gerlinde Maier:
Die Notwenigkeit und auch die Zielperspektive waren von vornherein klar. Die praktische Durchführung musste erst wachsen und sich entwickeln. Wenn man versucht, alles Mögliche gleichzeitig zu erreichen, ist es sehr arbeitsaufwendig. Es wäre sehr positiv, wenn es noch mehr direkte Verbindungspersonen (zwischen Flüchtlingskind und Schule, Anmerk. K.H.) gäbe. Um ein authentischer Ansprechpartner sein zu können, ist es eine Grundvoraussetzung, die Kinder selber zu erleben und zu kennen.
Kerstin Hemme:
Das greifen wir gerne auf und versuchen noch mehr ehrenamtliche Unterstützer für die individuelle Nachhilfe von Flüchtlingskindern zu gewinnen.
Was denkst du über das bildungspolitische Dauerthema der Eliteförderung aus deiner Sicht als Lehramtsstudentin und als ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Mach mit! - Projekt der Kunstwerkstatt?
Gerlinde Maier:
Zum einen leuchtet es ein, dass es Investitionen auf einer bildungspolitisch hohen Ebene geben muss, damit Deutschland oder Bayern international wettbewerbsfähig sind. Auf der anderen Seite wird die Diskrepanz zwischen dem Umfang der Eliteförderung und der Förderung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen immer größer.
Kerstin Hemme:
Das sehe ich ganz ähnlich. Die Überbetonung der Eliteförderung kann im ungünstigen Fall dazu führen, dass die Grund- und Hauptschulen ad adsurdum geführt werden und nur noch die Kinder eine qualitativ gute Bildung erhalten, deren Eltern diese finanzieren und ihre Kinder umfassend unterstützen können.
Fühlst du dich in deinem Studium gut auf den Umgang mit Eltern und Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen vorbereitet? Neben dem Bildungsauftrag hat die Institution Schule ja vor allem ja einen Erziehungsauftrag.
Gerlinde Maier:
Im Zuge meines Studiums der Sonderschulpädagogik werden spezielle Seminare zur Elternarbeit und Gesprächsführung angeboten. Einen eigentlichen Zugang bekommt man jedoch nur über praktische Erfahrungen. Das Mach mit! - Projekt ist sehr hilfreich, um auf diesem Gebiet persönliche Erfahrungen machen zu können. Im Hinblick auf andere Schularten kommt dieses Thema zu kurz.
Kerstin Hemme:
D.h. in den höheren Schulformen, Haupt-, Realschule und Gymnasium, nimmt der Anteil des Erziehungsauftrages ab. Was würdest du der Schule als Veränderungsvorschlag mit auf den Weg geben, damit sie Flüchtlingskinder in ihrer Entwicklung oder in ihrer besonderen Situation gerechter wird?
Gerlinde Maier:
Ein Vorschlag wäre die Deutschförderung. Es ist unabdingbar, dass Flüchtlingskinder oder Kinder mit Migrationshintergrund die Möglichkeit bekommen, ihre Sprachbarriere zu überwinden, und sie somit im Schulsystem besser integrieren zu können. Des Weiteren den Schulen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten der Förderung von Flüchtlingskindern es überhaupt gibt. Generell müsste eine bessere Aufklärung über die Wohn- und Lebensverhältnisse der Flüchtlingskinder bei den Lehrern stattfinden. Auf diesem Weg können Lehrer individueller auf die Kinder eingehen, und sensibler mit ihnen umgehen.
Kerstin Hemme:
... Deutschkurse sind in aller Munde, die Regierung sagt, sie tue alles, um Flüchtlinge in Deutsch zu schulen. Flüchtlinge müssen ja auch an den Kursen teilnehmen. Wie kommt dann diese Diskrepanz zustande?
Gerlinde Maier:
Flüchtlinge und Migranten, die kein Bleiberecht haben, bekommen generell keine Sprachförderung. Die Kinder, die in Unterkünften leben, sind aber noch im Asylverfahren oder haben nur einen Duldungsstatus. Dieser kann sich oft über viele Jahre hinziehen. Ich habe Familien kennen gelernt, die sich seit 6 Jahren in der Duldung befinden. In dieser Zeit findet aber keine Sprachförderung statt, um den Kindern das „Mitkommen“ zu erleichtern. Nur vereinzelt gibt es an Grund- und Hauptschulen Sprachlernklassen oder Übergangsklassen.
Kerstin Hemme:
... das wirft noch mal einen anderen Lichtkegel auf die Deutschprogramme der Landesregierung. Gerlinde, danke für das Interview und Dein Engagement im Mach mit!-Projekt. Ich hoffe, dass Du weiterhin viel Spaß im Projekt hast und in Deiner Arbeit weitere interessante Praxiserfahrungen für Dein Studium machen kannst.
"Mach mit!" Projektkoordination: Kerstin Hemme |
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