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Erzählungen von Kindern :

1. Amela

Flucht aus Bosnien - Herzegowina

(Personennamen und einige Ortsnamen wurden geändert.)

Geboren wurde ich am 9. November 1985 in der Stadt Zvornik in Bosnien und Herzegowina. Ich lebte mit meiner Familie in einer Wohnung in Zvornik und es ging uns gut. An dem Tag, im April 1992, als der Krieg ausbrach, veränderte sich unser Leben. Die Stadt wurde bombardiert. Ich erinnere mich, dass an diesen Tag die Menschen so schnell geflohen sind, dass die Frauen ihre Schuhe verloren. Überall auf den Straßen lagen die Schuhe herum. Auch wir verließen die Stadt so schnell wir konnten, sodass wir nichteinmal die Zeit hatten, uns Kleidung oder Lebensmittel mitzunehmen. Immer, wenn etwas war, was ich nicht sehen durfte, hielten meine Eltern mir die Augen zu. Meine Schwester war damals 1 ½ Jahre alt, ich war sechs. Wir waren sehr hungrig und niemand wollte uns etwas verkaufen. Obwohl ich großen Hunger hatte, konnte ich, als mir meine Eltern ein Stück Brot gaben, nichts essen. Ich erinnere mich, dass mein Vater auf dem Weg geschlagen wurde. Wir gingen nach Tuzla, den größten Teil der Strecke zu Fuß.



Im Radio wurde ein Aufruf gesendet, dass viele Menschen aus Zvornik und der Umgebung geflohen sind und nichts dabei hatten und wer helfen kann sollte sich melden. Ein Mann, der zu dieser Zeit selbst nicht viel hatte, kümmerte sich um uns und brachte meine Familie in Sicherheit. Als auch in Tuzla die ersten Bomben fielen, brachte uns dieser Mann, zu dem wir heute noch Kontakt haben, an einen anderen Ort. Wir kamen nach Zagreb, wo wir in einer Turnhalle zusammen mit mehr als 100 Personen unterkamen.


Nach vier bis fünf Tagen wurden wir mit einem Bus nach Velike Bloke, in Slowenien, gebracht. Dort lebten wir mehr als ein halbes Jahr in einem Zimmer von 40 qm zusammen mit 50 Leuten. Es war schrecklich, mehrere Personen mussten sich ein Bett teilen, viele wurden geschlagen, wenn sie den Aufpassern nicht gehorcht haben. Wir wurden medizinisch schlecht versorgt, die Bedingungen waren unhygienisch, es gab nur zwei Toiletten, die immer schmutzig waren und wir bekamen Läusemittel. Mein Vater konnte organisieren, dass wir nach Leibach kamen. Dort sind wir in Baracken untergekommen. Wir bekamen wenig zu essen und es war sehr kalt, sodass meine Schwester Bronchitis bekam.



Wir durften meine Großeltern in Österreich besuchen, mussten aber jedoch nach Slowenien zurück. Als wir zurückfahren wollten, half uns ein Mann, die Fahrkarten zu kaufen und brachte uns in den Bus. Das war aber nicht der richtige Bus, es war ein Bus, der über die Grenze nach Deutschland fuhr. Wir wollten umkehren, aber der Mann sagte, dass wir verrückt wären, wenn wir zurückfahren würden.


Situation in Deutschland

Er selbst fuhr wieder zurück und wir fuhren mit dem Zug nach München. Im September 1993 kamen wir in Deutschland an. In Bosnien ging der Krieg weiter. Mehrere Verwandte, darunter mein Onkel starben im Krieg.
Wir bekamen Auftenthaltsbefugnis, mein Vater fand gleich Arbeit als Zimmerer und ich ging in die Schule, ohne vorher Deutschunterrich bekommen zu haben. Ich konnte dem Unterricht nicht folgen, es war sehr schwer. Als ich mich einigermassen an die Schule gewöhnt habe und Freunde gefunden habe, kam die Abschiebung. Ich fing an, jeden Abend darüber nachzudenken, was es für mich bedeutet. Ich fragte mich:
„Wo gehöre ich überhaupt hin? Wer bin ich? Wenn ich abgeschoben werde, wo wohne ich dann (unsere Wohnung in Bosnien ist von Serben bewohnt, das Haus kaputt)? Was habe ich verbrochen, wem habe ich was getan, dass ich wieder zurück muss, obwohl Deutschland inzwischen mein Heimatland geworden ist?
Ich weinte jede Nacht und hatte immer Angst, dass uns die Polizei abholt und zurückschickt, wie es bei vielen Bekannten von uns geschehen ist. Ich hatte Albträume und habe sie immer noch. Ich träume immer wieder, dass mich ein Mann mit einer Pistole verfolgt und mich am Arm verletzt.



Meine Eltern versuchten alles, um länger in Deutschland zu bleiben. Meine Mutter hatte im Krieg so schreckliche Erlebnisse gehabt, dass sie traumatisiert wurde und heute noch eine Therapie braucht. Lange Zeit hatte wir überhaupt keinen Status, bis wir mit verschiedenen Hilfen endlich eine Duldung bekamen. Erst dann hatte ich etwas Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen bekommen. Am Anfang des Jahres 2001 kam dann das Gesetz, dass man, wenn man kriegstraumatisiert ist oder schon länger als zwei Jahre arbeitet, zwei Jahre Verlängerung (Aufenthaltsbefugnis) bekommt. Obwohl wir diese Bedingungen erfüllt haben, war es sehr schwer und wir mussten sehr darum kämpfen, diese Aufenthaltsbefugnis zu bekommen. Am 10. Juli 2001, diesen Tag werde ich nie vergessen, hatte wir endlich Erfolg. Ich war überglücklich und bin es immer noch! Seitdem werden meine schlimmen Träume seltener, ich weiss, dass wir bleiben können solange wir Arbeit haben.


Meine Zukunft

Wir leben immer noch in einer Gemeinschaftsunterkunft und suchen dringend eine 3-Zimmer-Wohnung, konnten aber noch keine finden. Ich werde im September 2002 meine Ausbildung als Bankkauffrau beginnen. Ich möchte mich auf jedem Fall weiterbilden. Ich bin an der Gesellschaft und an der Politik, besonders für Flüchtlinge, interessiert und würde mich gerne dafür einsetzen. Ich glaube, dass man vieles verbessern sollte:

Zum Beispiel:

  • Dass Kinder, die jahrelang hier sind und hier aufwachsen, das Recht haben sollen, mit ihren Familien hier zu bleiben!
  • Dass die Eltern Arbeitserlaubnis bekommen!
  • Dass man den Landkreis ohne Erlaubniss verlassen darf!
  • Dass die Polizei nicht ohne Vorankündigung, manchmal sogar mitten in der Nacht, Familien mit Kindern abholt und zurückschickt!
  • Dass die Menschen aus Ländern, in denen Krieg herrscht, Schutz bekommen und die Möglichkeit, legal in ein sicheres Land zu kommen!
  • Das Recht auf Förderung in der Schule, dass die Kinder keine Klassen wiederholen müssen!
  • Dass Erlaubnisse für längere Zeit erteilt werden, damit man nicht immer Angst haben muss, plötzlich zurückgeschickt werden und man nicht für die Zukunft planen kann!
  • Dass die Behörden hilfreicher sind!


Ich wünsche mir für mein Leben, in Sicherheit und in Frieden zu leben, da meine Kindheit sehr schwierig war und ich wenig Gelegenheit hatte meine eigenen Wünsche zu erfüllen.

Bilder aus der Ausstellung "In meinen Träumen kann ich fliegen", Gasteig 2000
Foto: Nina Hornung       www.ninahornung.com

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