Das Besondere beim Märchenerfinden und -erzählen

Märchen im therapeutischen Kontext

Märchen sind als `Begleiter´ hilfreich und manchmal auch heilsam. Sie vermögen Kinder in Ihrer Suche nach ihrem Selbst zu unterstützen, indem sie sich – gemeinsam mit dem Kunsttherapeuten – an den Zauber eines Märchens herantasten. Sie können sich in verschiedene Charaktere hineinversetzen, sich erkennen, Parallelen oder aber auch Unterschiede sehen und am Ende entscheiden, in welche Richtung sie sich verändern möchten.
Im geschützten Raum von Therapie können konventionelle Wege und einschränkende Sichtweisen in Frage gestellt, mit ihnen experimentiert und sie können verändert werden. Der Einzelne erlebt nicht länger seine Machtlosigkeit und erhält Perspektiven, die Opferrolle zu verlassen. Er erhält Zugang zu seiner inneren Stärke.

Flüchtlingskinder werden, bedingt durch den anderen Kulturkreis, von einer Norm in die andere Norm geführt und so mit einer Wertewelt konfrontiert, die sie nicht kennen und doch gezwungen sind zu leben. Durch das Märchenerzählen können die Kinder Gefühle und Erregungen durchleben und die Haltung eines Anderen einnehmen, die sie aber aus Ihrer Phantasie und Ihren eigenen Erfahrungen schöpfen.
Man kann den Kindern, die aufgrund schwerwiegender Kriegserfahrungen psychotische Angsterlebnisse nicht mehr gestalten oder ausdrücken können, durch Märchenerzählen die Möglichkeit geben, innere Phantasiewelten und äußere Realitätswahrnehmungen zu vereinen.

Dieses Märchen ist in der Kunstwerkstatt-Gruppe von Barbara Schwarz, Kunsttherapeutin, entstanden:

Der kleine Vogel

Es gab einen kleinen Vogel, der wohnte ganz allein in einer kleinen Höhle.
Er war ganz klein, hatte aber wunderschöne Federn. Sie waren ganz bunt und er liebte es, sehr laut zu singen. Er konnte ja auch ganz laut singen, da niemand sonst um ihn herum wohnte.
Bald aber kamen viele Menschen um ihn herum, machten sich überall breit und um nicht aufzufallen, musste der kleine Vogel nun immer in seiner Höhle bleiben und konnte auch nicht mehr laut singen. Das machte ihn ganz traurig. Auch konnte er seine Flügel fast nicht mehr ausstrecken in der kleinen Höhle.
Er wurde immer trauriger und trauriger und trauriger.
Langsam verloren seine Federn die Farbe und er wurde ganz braun.
Und als er es nicht mehr aushalten konnte in seiner Höhle, versuchte er langsam aus seiner Höhle zu schlüpfen. Vorsichtig steckte er erst seinen Schnabel heraus und dann seinen ganzen Körper. Leise schlich er sich an den ganzen Menschen vorbei und rannte ganz schnell über den großen Hügel in den Wald.
Dort merkte er, dass ganz viele andere Tiere im Wald lebten und alle ihn anstarrten.
Vorsichtig hüpfte er zu ihnen hin. Ein kleines Tier trat hervor und reichte ihm die Pfote.
Hallo, wer bist du denn? Dann erzählte der kleine Vogel seine Geschichte und fing an wieder ganz laut zu singen. Und plötzlich wurden seine Federn wieder ganz bunt und schön. Er flatterte mit den Flügeln und war glücklich, wieder neue Freunde gefunden zu haben.

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