Fotoprojekt mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

titel_fotoworkshop

Seit 2010 führen wir in unserer Werkstatt im EineWeltHaus in München einen Fotografie-Workshop für jugendliche Flüchtlinge durch. Im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen unbegleitete  minderjährige Flüchtlinge (UMF), die sich ohne Eltern oder Sorgeberechtigte in München aufhalten. Regelmäßig nehmen an unserem Foto-Workshop 8-16 Jungen teil, die aus Afghanistan, Somalia, Burkina Faso, Nigeria, dem Senegal und Sierra Leone stammen.

Vor kurzem wurde in der Sendung „Puzzle“ vom BR ein Beitrag über den Fotoworkshop gezeigt.

Bei unserem Fotoworkshop handelt es sich nicht um eine technisch – qualifizierende Maßnahme. Vielmehr soll das Medium Fotografie als Orientierungsinstrument vermittelt werden. So war sehr schnell klar, dass eine abwechslungsreiche Gestaltung der Projekttage wichtig ist.

Fast alle Teilnehmer bekamen am Anfang des Workshops eine kompakte analoge Kleinbildkamera mit Festbrennweite und Weitwinkelobjektiv. Am Ende waren so insgesamt 15 Kameras im Einsatz. Immer freitags bekamen wir die belichteten Filme und gaben die entwickelten Bilder der letzten Woche zurück. Die Kameras gaben wir ohne feste Themenstellung heraus, lediglich mit dem Vorschlag sich gegenseitig zu portraitieren, vor allem um dabei die Kameraeigenschaften kennen und einschätzen zu lernen. Dabei kamen eine ganze Reihe höchst spannender Selbstinszenierungen und Portraits heraus, die bei weitem über das Niveau einer technischen Übung hinausgehen. Bei der gemeinsamen Bildbesprechung war uns wichtig, dass jeder eine Auswahl seiner besten fünf bis zehn Bilder traf. Diese Bilder kombinierten wir dann zusammen zu Bildsequenzen, Tableaus oder Serien aus mehreren Motiven.

Das aus fotografischer wie pädagogischer Sicht Interessante an dem Projekt ist, dass die Jugendlichen sich in einem völlig neuen Umfeld befinden, in dem die Fotografie tatsächlich zur besseren Orientierung beitragen kann. Etwa wenn ‚besondere Orte‘ aufgesucht werden, geschieht das auf Grund der Kamera und der zu erwartenden Bilder – es führt aber auch dazu dass sich die Jugendlichen bewegen und außerhalb der EAE aufhalten.


Andererseits entstanden viele Aufnahmen im direkten Umfeld der Teilnehmer. Auch diese Aufnahmen tragen einen ganz besonderen Wert in sich. Sie erzählen von dem Alltag in der Erstaufnahmeeinrichtung, der Schule und den Menschen, die die Jugendlichen treffen – und zwar in einer unbedingt authentischen, direkten und unmittelbaren Bildsprache, die nur entwickeln kann, wer Teil dieser hermetischen Welt ist und auch nicht zu viel über Fotografie nachdenkt, sondern sie intuitiv und skizzenhaft nutzt. Die Kamera ist auch zugleich der Grund, die neue Stadt kennen zu lernen und anhand der Bilder das Gesehene zu reflektieren.


Eine kontinuierliche ‚Arbeit mit Bildern‘ gelingt nicht zuletzt auch deswegen, weil die Jugendlichen eine erstaunliche Disziplin an den Tag legen und echtes Interesse an dem Angebot zeigen. Außerdem erfuhren wir, wie sich die Teilnehmer untereinander organisierten, Kameras austauschten und sich gegenseitig entwickelte Filme mitbrachten. An den Aktionen nahmen die Jungen mit großem Interesse teil, wie beispielsweise bei dem Besuch von Fotoausstellungen in der Villa Stuck und im Haus der Kunst, oder bei gemeinsamen Ausflügen zum Fotografieren an der Isar, in der Innenstadt und im Englischen Garten. Während der gemeinsamen Aktionen fand auch intensive Beziehungsarbeit statt, die Jungen fassten Vertrauen, erzählten ihre Geschichten, Ängste, Erfahrungen und Wünschen. Unsere Arbeit setzt den Schwerpunkt einerseits auf das Medium Fotografie, andererseits auf einen kreativen Hilfsansatz, durch vertrauensbildende Gespräche und Vernetzung mit anderen Projekten. Bemerkenswert ist vor allem die Freude, die die Jugendlichen während des Kurses zeigen, und auch wenn gelegentlich traumatische Erfahrungen die Stimmung beeinträchtigen, herrscht oft auch eine Leichtigkeit, die sehr befreiende Wirkung zeigt.

Fotobuch STATUS
STATUS ist ein künstlerisches Fotobuch, entstanden aus den Ergebnissen des REFUGIO Fotoworkshops. Neben Portraits unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zeigt das Buch deren eigene fotografische Auseinandersetzung mit der noch weitehend fremden Umwelt. Das Buch ist fertig editiert und gestaltet.
Ziel des Projekts ist es, eine Druckauflage von 500 Stück zu realisieren.
Dieses Buch sucht noch Sponsoren!

STATUS bei Vimeo.com komplett ansehen

Projektleitung:
Max Kratzer (Fotograf und Fotodesigner B.A.)
Verena Schmidt (Pädagogin M.A.)

STATUS – Ausstellung und Podiumsdiskussion im Bayerischen Landtag

Am 13. Juni 2012 lud die Präsidentin des Bayerischen Landtags, Barbara Stamm zusammen mit der Kinderkommission des Bayerischen Landtags unter Vorsitz von Claudia Stamm zum Thema »Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge« zur Gesprächsrunde und zur Eröffnung der Fotoausstellung »STATUS« in den Senatssaal des Maximilianeums ein.

Hier geht es zur Pressemitteilung:
Bayerischer Landtag >>