Trauma


Kinder, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, kommen meist aus aktuellen Kriegs – und Krisengebieten. Sie müssen hier zunächst in unwirtlichen Gemeinschaftsunterkünften eng mit anderen zusammenleben. Sie können sich ihrer Umwelt sprachlich kaum mitteilen, tragen viele schreckliche und unverarbeitete Bilder in sich und werden immer wieder heimgesucht von großen Ängsten.

Sequenzen der Traumatisierung

Sie mussten ihre vertraute Umgebung – oft plötzlich – verlassen, liebgewonnene Personen zurücklassen, vielleicht miterleben, wie Angehörige zu Tode kamen. Ihre bisherige Heimat war zu gefährlich geworden oder bot keine Lebensperspektive mehr. Die Reise in die ungewisse Ferne war oft begleitet von langen, strapaziösen Fussmärschen, gefährlichen Bootsfahrten, Strecken in der dunklen Enge eines LKWs ohne Essen und Trinken und immer der Gefahr ausgesetzt, entdeckt zu werden. Ihre Eltern konnten sie nicht schützen, da sie selbst ums Überleben kämpften. Bei der Ankunft in Deutschland stürzten all die neuen Bilder auf sie ein – sie konnten sich nicht verständigen und sie verstanden vieles nicht, was sie hier auf der Straße, in der Schule oder sonst wo wahrnahmen. Immer wieder erlebten sie traumatische Situationen, denen sie hilflos und ohnmächtig ausgeliefert waren, erlebten Menschen, die sie bedrohten oder Gewalt anwendeten. Immer wieder sahen sie sich in lebensbedrohlichen Umständen, in Phasen zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Folgen der Traumatisierung

Dies alles hinterlässt deutliche Spuren im Erleben und im Verhalten eines Kindes. Es erzeugte massive Ängste, große innere Anspannung und eine grundlegende Verunsicherung ihres Weltvertrauens. Unruhiger Schlaf, Albträume und das plötzliche Auftauchen von erlebten Begebenheiten vor dem inneren Auge lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Häufig treten bereits bei kleinen Verunsicherungen Phasen der Übererregung auf, die sie kaum steuern können. Sie erscheinen dann nervös oder gar aggressiv und werden entsprechend reglementiert. Es fällt ihnen schwer, sich für eine Weile zu konzentrieren. Bis sie jemanden wirklich vertrauen können, dauert es länger – zu schlecht waren all die Erfahrungen in der Heimat und/oder auf der Flucht -. Manche vermeiden auch den Kontakt zu anderen, ziehen sich eher zurück oder können ihren Körper kaum spüren. Sie meiden starke Gefühlsregungen und wirken eher cool und unnahbar. Einige wollen möglichst alles unter Kontrolle haben, um nicht von unvorhergesehenen Katastrophen überrascht zu werden. Viele übernehmen in der Familie schon bald wichtige Aufgaben. Der Ernst des Lebens hat für diese Kinder schon sehr früh begonnen. Durch die Bewältigung der vielen schwierigen Umstände haben sie aber auch vielfältige Kompetenzen entwickelt. Ihr kreatives Potenzial lässt sich aktivieren und fördern.

Förderung der Ressourcen

Die Kunstwerkstatt setzt mit ihrem Angebot an den Ressourcen der Flüchtlingskinder an. Zur Entfaltung ihrer vielfältigen Fähigkeiten brauchen sie liebevolle Zuwendung, kompetente Förderung, Anerkennung und Wertschätzung. Künstlerische Aktivitäten eignen sich besonders gut, über die Sprachbarriere hinweg Hoffnung und Lebensmut zu stärken, einen Gegenpol zu den schrecklichen inneren Bildern zu generieren und im gemeinsamen Tun neues Vertrauen und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Maria Heller, Jan. 2012