Berichte von Kindern:

1. Liri und Zyla

Aufzeichnung eines Gesprächs mit Liri (14 J.) und Zyla (13 J.) aus dem Kosovo durch Sybille Rosefeldt

(Personennamen und einige Ortsnamen wurden geändert.)

Flucht über das Gebirge

Wir leben mit unseren Eltern und unserer Oma und noch sechs Geschwistern in einer Gemeinschaftsunterkunft in München. Wir sind Kosovo-Albaner und haben in F.Edmond gewohnt, bevor wir wegen Krieg vor 2 ½ Jahren aus unserer Heimat geflohen sind. Deutsch haben wir erst hier gelernt.

Wir haben in einem Haus gewohnt, das hatte zwei Stockwerke. Wir hatten einen Garten, einen ganz großen Garten. Mit Bäumen, Äpfeln, Pflaumen und Pfirsichen. Kirschen gab’s auch da. Das, was wir geerntet haben, und das Vieh, das haben wir für uns gebraucht. Wir alle haben mit geholfen. Ich habe auch viel gearbeitet. Ich habe immer auf die Kühe aufgepasst. Ich wollte nie. Aber meine Oma hat immer gesagt: Aber jetzt! Du sitzt den ganzen Tag herum. Jetzt arbeitest du aber. Zyla, die war noch zu klein. Meine beiden älteren Schwestern waren in der Schule und sonst zu Hause. Wenn die Mädchen bei uns 16 sind, dann bleiben sie immer zu Hause. Aber sie haben auch auf dem Feld mitgeholfen. Meine Mutter, die hat gekocht für die ganze Familie. Meine Oma hat auch viel mit gearbeitet. Wir hatten zehn Kühe. Nein, ich habe sie nicht gemolken. Das hat meine Mutter gemacht oder meine Oma. Kartoffeln und Gemüse hatten wir auch, alles. Mehl hatten wir auch. Davon konnten wir Brot backen. Meine Mutter hat das Brot gebacken. Jeder backt das Brot bei uns selber. Meine älteren Schwestern haben viel Handarbeit gemacht. Das konnte man auch verkaufen. Meine Mutter kann gut nähen. F.Edmond liegt ganz bei Albanien. Deshalb sagen wir, wir sind Kosovo-Albaner. Wir sprechen albanisch. Hier überall spricht man albanisch. In Prizren, da gibt’s Türken. In Mitrovica, da gibt’s noch Serben. Die halbe Stadt ist jetzt von Serben. Mit Albanern zusammen.

Die Leute haben gesagt, dass F.Edmond ein großes Dorf ist. Da gibt’s hier keinen Krieg. Und dann kam der Krieg doch. Viele Leute sind in das Dorf geflohen um Schutz zu suchen. Das Dorf war dann ganz voller Flüchtlinge. Wir haben viele Leute genommen bei uns zu wohnen. Jeder hat welche aufgenommen. Dann haben sie gesagt, am 29. Mai 98: Ihr geht nicht in die Schule, weil da Krieg wird und so. Da sind wir zu Hause geblieben. Dann sind diese Polizisten und alle mit diesen Waffen und so in dieses Zentrum gekommen, wo sich alle Leute immer getroffen haben. Und unsere Nachbarin, sie wollte zur Arbeit gehen, sie hat das gesehen, die Polizisten und alles da, und als sie das gesehen hat, hat sie gesagt, ihr müsst weg. Dann ist sie zu uns, weil wir waren eine große Familie und da gab’s noch viele andere Leute und so. Dann, ich war noch im Schlaf, und dann mussten wir früh aufstehen und dann weglaufen. Wir haben nur eine kleine Tasche mitgenommen. Wir wussten nun, dass der Krieg hierher kommt und wir haben die Sachen eingepackt. Aber dann, als wir beim Haus raus kamen, haben die auf uns geschossen. Dann haben wir unsere Sachen alles liegengelassen und wir sind auch liegengeblieben und nach zehn Minuten da sind wir aufgestanden, sind wir …, da gab’s so Wasser, haben wir uns da versteckt, da gab’s so Bäume und so. Und mein Vater und mein kleinerer Bruder Besart und meine Schwester, die sind in eine andere Richtung gegangen. Die konnten nicht mit uns zusammen kommen. Meine Mutter war mit uns anderen. Und Besart, mein kleiner Bruder, der war erst vier Jahre alt, und meine zweitälteste Schwester, die waren mit meinem Vater. Sie sind andere Richtung gegangen und wir in andere Richtung, denn wir mussten uns verstecken. Wir hatten Angst, dass denen irgendwas passiert ist.

Der Krieg kommt, ihr müsst weg!

Es gibt so Männer, die haben Waffen, die waren UCK und die haben uns gesagt: Komm, komm, wir bringen euch weg. Wir sind nur vier bis fünf Stunden geblieben, dann sind wir mit Traktor gefahren zu einem Dorf. Und da hatten wir Verwandte da, die haben uns gesagt: Kommt rein. Und dann wussten wir nicht, wo mein Vater und die anderen waren. Wir haben Leute gefragt, ob sie nicht meinen Vater gesehen haben. Ja, die haben gesagt, die sind andere Richtung und sie leben noch und dann waren wir erleichtert. Mein Vater und die anderen Geschwister sind da geblieben, von wo wir zuerst weg waren. Dann sind sie nach Hause nochmal gekommen und haben dort was zum Essen mitgenommen, weil wir gar nichts hatten. Dann war es etwas ruhiger. Andere Leute waren auch weg… Und dann sind sie schließlich zu uns gekommen …! Dann sind wir zusammen geblieben. Meine Mutter hat ganz doll geweint. Und Besart war ja verletzt am Knie. Am Vortag vom Krieg hat er sich verletzt. Und da konnte er auch nicht laufen. Da musste mein Vater ihn dann tragen. Damals wusste er noch nichts von seiner Krankheit.

Wir haben Schießereien gehört, ja, und es gab diese Leute, die verletzt kamen in dieses Dorf. Und ich habe das alles gesehen. Ja, wir sind auf die Straße und Kinder und alle und wollten hören, was da passiert ist, und eine Frau, die kannte ich schon, die war voll verletzt, das war ganz schlimm, und andere Leute auch. – Und ein Mann ist auch gestorben, als der Krieg angefangen hat, und er war noch so jung, 30 Jahre alt, und er ist dann gestorben. – Das war so schlimm.

Mein Vater und meine Oma haben dann in einem anderen Dorf ein Haus gefunden, da gab’s keine Fenster, und wir wollten da wohnen und wir haben alle Sachen von uns dahin gebracht; aber dann haben wir nur eine Nacht da geschlafen, weil Leute gesagt haben, es gibt auch Krieg hier, geht ihr weg von hier. Alle von diesem Dorf sind weg. – Dann sind wir nach Albanien. Erst nach Morina , dann nach Tropoje. Das ist der erste Ort in Albanien, zu dem wir gekommen sind. Wir sind dahin gegangen, zu Fuß.

Es war ganz gebirgig, ganz steil. Das war von den Albanern ein geheimer Weg. Zweihundert Leute sind da mit uns zusammen gegangen. Ich bin allein als Erste gegangen. Ich wollte als Erste vorne sein, und da bin ich so fünf Meter oder zehn gegangen, und da war so ein kleiner Stein und darauf bin ich ausgerutscht, und dann bin ich so fünf Meter hinunter gerutscht und da habe ich mir sehr wehgetan. Dann bin ich wieder allein nach oben geklettert zu meinen Eltern und Oma und meinen Geschwistern. Meine Oma hatte so ein Handtuch und das hat sie dagegengedrückt, dass nicht so viel Blut rauskommt. Ich war ganz schlimm in meinem Gesicht verletzt, hier an der Stirn. Da ist jetzt die Narbe. Dann hat mich mein Vater bis ganz nach unten getragen. Mein Gesicht sah schlimm aus. Es war ganz geschwollen. Den Besart, meinen kleinen Bruder, haben dann andere Leute getragen. Unten hat dann irgendjemand so einen Krankenwagen gerufen, dann ist der gekommen, dann bin ich zum Krankenhaus gefahren nach Besart Curri, und meine Familie ist in der Stadt Tropoje geblieben. Wir konnten ja jetzt nicht weiter gehen. Im Krankenhaus wurde ich genäht. Da bin ich so ungefähr zehn Tage geblieben. Dann bin ich vom Krankenhaus entlassen und zu dem Haus gekommen, wo meine Eltern und Geschwister gewohnt haben. Die albanischen Leute, die haben gesagt: Es gibt Flüchtlinge vom Kosovo. Wer will die nehmen? Und dann sind die gekommen und haben uns genommen. Die waren sehr freundlich. Ja, das Rote Kreuz war da. Da ist irgendjemand gekommen. Da sind die Leute gekommen, und wir wurden verteilt. Es waren immer noch etwa 200 Leute, die hierher gekommen waren. Wir sind alle auf der Flucht zusammengeblieben. Da haben wir ungefähr sechs Wochen gewohnt, bis es Zyla wieder ganz gut ging. Und dann sind wir irgendwo anders hingefahren. Die meisten Leute sind dageblieben. Sie hatten kein Geld, um irgendwoanders hinzugehen. Wir hatten vor dem Krieg so Mehl gekauft. Wir haben gedacht, im Krieg da gibt’s das nicht zu kaufen. Im anderen Dorf da ging’s den Leuten so schlecht. Wir haben dann dort unser Mehl verkauft und Geld dafür gekriegt.

Mit dem Auto sind wir Richtung Süden bis Fierze gefahren. Das war so ein Busauto. Da haben wir alle hineingepasst. Die waren so nett. Die waren so arm. Als wir das schwarze Brot gesehen haben, das sie essen, haben wir gedacht, die sind so arm, das essen wir nicht. Und dann haben wir es doch gegessen. In Deutschland essen alle so schwarzes Brot. Die Leute, wo wir gewohnt haben, haben das Auto für uns bezahlt. Ein Mann hat uns gefahren bis Fierze.

Ein großes Schiff

Dann sind wir auf dem Fluss mit einer großen Fähre weitergefahren. Wir sind den ganzen Tag gefahren, zu einem großen See (Liq. i vaut te Dejes), ohne Zwischenstation. Irgendwo sind wir dann mit dem Schiff weiter – ich weiß nicht, bis wohin – und dann mit dem Auto auf der Hauptstraße entlang bis nach Durres. Das ist eine große Stadt am Meer, an der Adria. Von dort sind wir nach Norden bis nach Katundi i Ri gefahren. Der Ort heißt übersetzt „Ein neues Dorf“. Da haben wir dann gewohnt. Da waren wir sicher. Und da war es schön. Da konnten wir schwimmen gehen. Woanders war Krieg und da gab’s Bomben und Schießereien, und hier konnten wir schwimmen gehen. Und da war auch die Schule. Nur fünf Minuten mussten wir gehen. Wir sind fast ein ganzes Jahr dort geblieben.

Fische, Enten und Segelboote

Da wurde Albanisch gesprochen, aber sie sprachen etwas anders als wir im Kosovo. Aber wir im Kosovo sprechen auch ein bisschen jugoslawisch. In Durres spricht man ganz anders und in Tirrane. Da spricht man richtig albanisch. Aber in Tropoje und Besart Curri spricht man wie im Kosovo. In der Schule in Katundi i Ri konnten wir aber alles verstehen. Sie haben gesagt: Wir helfen euch im Kosovo. Am Anfang hatte ich keine Schultasche und gar nichts. Sie haben für mich eine Tasche gekauft und die Bücher. Die waren sehr alt, aber nach sechs Monaten habe ich neue gekriegt vom Staat. Aber es gab keine Arbeit für unseren Vater. Die Leute dort konnten selber keine Arbeit finden. Da waren viele arbeitslos. Aber wir haben Kontakt zu unserem Opa in Deutschland gehabt. Dann hat der uns Geld geschickt. Mein Vater ist dann nach Tirana gefahren. Dort hat er das Geld bekommen.

Gefährliche Überfahrt im Schlauchboot

Wir sind dann von Durres mit einem Boot nach Italien, nach Bari. Meine Oma ist vor uns angekommen, weil sie auch mit sollte. Dann sind wir gefahren. Das war so ein großes Gummiboot, ein Schlauchboot. Aber … wir konnten nicht anders … Das Boot war ganz voll! 30 Leute. Also, da gibt’s Leute, die fahren das. Die kriegen 300 Mark. Die fahren dich dann rüber. Das war ganz aufregend, die Überfahrt, furchtbar. Wenn Wellen gewesen wären, dann wären wir nicht angekommen.

Aber wir hatten keine andere Wahl. In Bari sind wir eine Woche geblieben, in so einem Heim, Asylheim. Dann sind wir nach Mailand gefahren, mit Bus. Wir sollten eigentlich da bleiben in Italien; aber wir wollten nicht. Wir wollten auf jeden Fall nach Deutschland. Und sie haben uns gefragt: Warum wollt ihr denn nach Deutschland? Alle Kosovo-Albaner wollen nur nach Deutschland gehen. Da war unser Opa, darum wollten wir nach hier kommen. Und andere. Verwandte sind für uns wichtig.

Dann sind wir nach Frankreich. Zuerst sind wir zu einer Stadt, ich weiß nicht, wie sie heißt.. Wir sind mit solch einem Auto dorthin. Aber als wir dann nach Frankreich kamen, dann ..die haben uns gesehen, die Polizisten da. Dann sind wir da eine Nacht in so einem Gefängnis geblieben in so einem kleinen Zimmer. So ein kleines Zimmer und ungefähr 20 oder 30 Leute …Kann man von da aus gar nicht sehen, was draußen ist! So ’ne kleine Zelle! Die haben immer aufgepasst, ob wir weggehen, die ganze Nacht.

Wir sind morgens – da war so eine Veranstaltung, ich weiß nicht, wie das heißt. Vom Roten Kreuz. Sie haben gesagt, wir rufen in Deutschland an, ob die euch nehmen oder so. Mein Vater hat gesagt, die nehmen uns nicht, weil die haben genug da. Dann sind wir nach Paris. Dahin haben die uns geschickt mit dem Zug. Da waren auch noch andere Leute. Vom Roten Kreuz haben sie uns nach Paris geschickt. In Paris sind wir dann in so ein Haus gekommen in ein kleines Zimmer. Jeder hatte so ein Bett. Ein ganz kleines Zimmer, für jeden war darin nur ein Bett, sonst gar nichts. Und da waren wir über zehn Leute da. Andere Leute waren auch da, sie waren auch Albaner. Und dann sind wir weg. Die haben gar nichts gemerkt. Nur einem Albaner haben wir was gesagt; aber der hatte Verwandte in Australien. Der ist zu seinen Verwandten nach Australien gekommen. Dann hat der uns auf der Karte gezeigt und so, wie man nach Deutschland geht und alles. Und dann hat er gesagt, ihr geht mit diesem Zug. Dann haben wir die Fahrkarten gekauft. Nach Stuttgart.

Schlimm war, als wir ungefähr ein Jahr aus unserem Dorf weg waren, da wussten wir gar nicht, wo unsere Verwandte ist und mein Onkel und meine Tanten und so … Die wussten auch nicht von uns, wo wir sind. Da gab’s keine Verbindung.

Dann sind wir nach München, ja, noch am gleichen Tag. Und dann war mein Opa da und unsere Nachbarn! Mein Opa hat immer geschaut, ob er uns sieht. Als er uns gesehen hat, ist er ganz schnell gelaufen, und er hat uns was zum Essen mitgebracht. Wir sind bei unseren Nachbarn zwei Tage dageblieben. Dann sind wir in die Untersbergstraße. Da haben wir uns angemeldet.

Ein Jahr sind wir unterwegs gewesen.

 2. Amela

Flucht aus Bosnien – Herzegowina

(Personennamen und einige Ortsnamen wurden geändert.)

 

Geboren wurde ich am 9. November 1985 in der Stadt Zvornik in Bosnien und Herzegowina. Ich lebte mit meiner Familie in einer Wohnung in Zvornik und es ging uns gut. An dem Tag, im April 1992, als der Krieg ausbrach, veränderte sich unser Leben. Die Stadt wurde bombardiert. Ich erinnere mich, dass an diesen Tag die Menschen so schnell geflohen sind, dass die Frauen ihre Schuhe verloren. Überall auf den Straßen lagen die Schuhe herum. Auch wir verließen die Stadt so schnell wir konnten, sodass wir nichteinmal die Zeit hatten, uns Kleidung oder Lebensmittel mitzunehmen. Immer, wenn etwas war, was ich nicht sehen durfte, hielten meine Eltern mir die Augen zu. Meine Schwester war damals 1 ½ Jahre alt, ich war sechs. Wir waren sehr hungrig und niemand wollte uns etwas verkaufen. Obwohl ich großen Hunger hatte, konnte ich, als mir meine Eltern ein Stück Brot gaben, nichts essen. Ich erinnere mich, dass mein Vater auf dem Weg geschlagen wurde. Wir gingen nach Tuzla, den größten Teil der Strecke zu Fuß.

Im Radio wurde ein Aufruf gesendet, dass viele Menschen aus Zvornik und der Umgebung geflohen sind und nichts dabei hatten und wer helfen kann sollte sich melden. Ein Mann, der zu dieser Zeit selbst nicht viel hatte, kümmerte sich um uns und brachte meine Familie in Sicherheit. Als auch in Tuzla die ersten Bomben fielen, brachte uns dieser Mann, zu dem wir heute noch Kontakt haben, an einen anderen Ort. Wir kamen nach Zagreb, wo wir in einer Turnhalle zusammen mit mehr als 100 Personen unterkamen.

Nach vier bis fünf Tagen wurden wir mit einem Bus nach Velike Bloke, in Slowenien, gebracht. Dort lebten wir mehr als ein halbes Jahr in einem Zimmer von 40 qm zusammen mit 50 Leuten. Es war schrecklich, mehrere Personen mussten sich ein Bett teilen, viele wurden geschlagen, wenn sie den Aufpassern nicht gehorcht haben. Wir wurden medizinisch schlecht versorgt, die Bedingungen waren unhygienisch, es gab nur zwei Toiletten, die immer schmutzig waren und wir bekamen Läusemittel. Mein Vater konnte organisieren, dass wir nach Leibach kamen. Dort sind wir in Baracken untergekommen. Wir bekamen wenig zu essen und es war sehr kalt, sodass meine Schwester Bronchitis bekam.

Wir durften meine Großeltern in Österreich besuchen, mussten aber jedoch nach Slowenien zurück. Als wir zurückfahren wollten, half uns ein Mann, die Fahrkarten zu kaufen und brachte uns in den Bus. Das war aber nicht der richtige Bus, es war ein Bus, der über die Grenze nach Deutschland fuhr. Wir wollten umkehren, aber der Mann sagte, dass wir verrückt wären, wenn wir zurückfahren würden.

Situation in Deutschland

Er selbst fuhr wieder zurück und wir fuhren mit dem Zug nach München. Im September 1993 kamen wir in Deutschland an. In Bosnien ging der Krieg weiter. Mehrere Verwandte, darunter mein Onkel starben im Krieg.
Wir bekamen Auftenthaltsbefugnis, mein Vater fand gleich Arbeit als Zimmerer und ich ging in die Schule, ohne vorher Deutschunterrich bekommen zu haben. Ich konnte dem Unterricht nicht folgen, es war sehr schwer. Als ich mich einigermassen an die Schule gewöhnt habe und Freunde gefunden habe, kam die Abschiebung. Ich fing an, jeden Abend darüber nachzudenken, was es für mich bedeutet. Ich fragte mich:
„Wo gehöre ich überhaupt hin? Wer bin ich? Wenn ich abgeschoben werde, wo wohne ich dann (unsere Wohnung in Bosnien ist von Serben bewohnt, das Haus kaputt)? Was habe ich verbrochen, wem habe ich was getan, dass ich wieder zurück muss, obwohl Deutschland inzwischen mein Heimatland geworden ist?
Ich weinte jede Nacht und hatte immer Angst, dass uns die Polizei abholt und zurückschickt, wie es bei vielen Bekannten von uns geschehen ist. Ich hatte Albträume und habe sie immer noch. Ich träume immer wieder, dass mich ein Mann mit einer Pistole verfolgt und mich am Arm verletzt.

Meine Eltern versuchten alles, um länger in Deutschland zu bleiben. Meine Mutter hatte im Krieg so schreckliche Erlebnisse gehabt, dass sie traumatisiert wurde und heute noch eine Therapie braucht. Lange Zeit hatte wir überhaupt keinen Status, bis wir mit verschiedenen Hilfen endlich eine Duldung bekamen. Erst dann hatte ich etwas Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen bekommen. Am Anfang des Jahres 2001 kam dann das Gesetz, dass man, wenn man kriegstraumatisiert ist oder schon länger als zwei Jahre arbeitet, zwei Jahre Verlängerung (Aufenthaltsbefugnis) bekommt. Obwohl wir diese Bedingungen erfüllt haben, war es sehr schwer und wir mussten sehr darum kämpfen, diese Aufenthaltsbefugnis zu bekommen. Am 10. Juli 2001, diesen Tag werde ich nie vergessen, hatte wir endlich Erfolg. Ich war überglücklich und bin es immer noch! Seitdem werden meine schlimmen Träume seltener, ich weiss, dass wir bleiben können solange wir Arbeit haben.

Meine Zukunft

Wir leben immer noch in einer Gemeinschaftsunterkunft und suchen dringend eine 3-Zimmer-Wohnung, konnten aber noch keine finden. Ich werde im September 2002 meine Ausbildung als Bankkauffrau beginnen. Ich möchte mich auf jedem Fall weiterbilden. Ich bin an der Gesellschaft und an der Politik, besonders für Flüchtlinge, interessiert und würde mich gerne dafür einsetzen. Ich glaube, dass man vieles verbessern sollte:

Zum Beispiel:
Dass Kinder, die jahrelang hier sind und hier aufwachsen, das Recht haben sollen, mit ihren Familien hier zu bleiben!

  • Dass die Eltern Arbeitserlaubnis bekommen!
  • Dass man den Landkreis ohne Erlaubniss verlassen darf!
  • Dass die Polizei nicht ohne Vorankündigung, manchmal sogar mitten in der Nacht, Familien mit Kindern abholt und zurückschickt!
  • Dass die Menschen aus Ländern, in denen Krieg herrscht, Schutz bekommen und die Möglichkeit, legal in ein sicheres Land zu kommen!
  • Das Recht auf Förderung in der Schule, dass die Kinder keine Klassen wiederholen müssen!
  • Dass Erlaubnisse für längere Zeit erteilt werden, damit man nicht immer Angst haben muss, plötzlich zurückgeschickt werden und man nicht für die Zukunft planen kann!
  • Dass die Behörden hilfreicher sind!

Ich wünsche mir für mein Leben, in Sicherheit und in Frieden zu leben, da meine Kindheit sehr schwierig war und ich wenig Gelegenheit hatte meine eigenen Wünsche zu erfüllen.